Andrea Pancur’s “Alpenklezmerglühen”: Die Münchner Sängerin baut musikalische Brücken

In der Fremde heimisch – daheim fremdeln?

Inbrunst

Inbrunst

Foto: Werner Bauer

Sie wollte ursprünglich Lehrerin werden. Es galt als Selbstverständlichkeit in ihrem akademisch geprägten Elternhaus, ein ordentliches Studium zu absolvieren. Sie entschied sich für Englisch und Geschichte, denn diese Fächer erschienen ihr als Hauptstärken. Andrea Pancur sollte also Lehrerin werden und absolvierte ihr Erstes Staatsexamen. 
Wenn nur nicht dieser zunächst vage Impuls, der sich zunehmend zu einer kreativen Bestimmung entwickelte, gewesen wäre! Immer stärker fühlt sie sich in den Sog der Musik hineingezogen und zwar nicht irgendeiner populären oder klassischen Ausrichtung. Andrea Pancur verliebt sich in "Klezmer” , in die jiddische, originär instrumentelle Volksmusik aus Osteuropa, und diese Liebe wird erwidert – sie hält nur nicht bis zum heutigen Tage eindrucksvoll an! Die innige Beziehung wird gepflegt, an ihr wird im Verbund mit ähnlich Verfallenen regelrecht gearbeitet. Andrea und Klezmer entwickeln sich weiter, sie lässt ihr ohnehin ausdruckstarkes Gesangstalent professionell ausbilden, und Klezmer lädt sie zur Belohnung zum Improvisieren, Variieren und Ausprobieren ein
"Die melodischen Leitlinien des Klezmer haben sich schon immer am Instrument des menschlichen Körpers orientiert, ich versuche mit meiner Stimme und ebenso stimmungsreichen Texten zu vervollkommnen.”
Andrea Pancur!

Andrea Pancur!

Foto: Werner Bauer

Wer dessen einmal anhörig wird, versteht ihre Message sofort.
Interessanterweise war es zunächst die melancholische, manchmal abgründige und doch stets lebensbejahende Lyrik des so oft ausgegrenzten und abgeschobenen Volkes, die Andrea Pancurs eigene Gemütslage widergab.
"Meine Familie gehörte in Slowenien zu einer deutschsprachigen Minderheit. Gegen Anfang des 20. Jahrhunderts beschloss ein großer Teil aus wirtschaftlichen Gründen nach Bayern zu emigrieren. Ich selbst bin in München geboren und betrachte diese Stadt als meine Heimat, sehe mich keineswegs als Außenseiterin. Und doch hatte ich so ein unterschwelliges Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören, meine Wurzeln suchen zu müssen. Die Politik der 70er und 80er Jahre hat trotz großer gesellschaftlicher Umwälzungen nicht dazu beigetragen, mich total integriert zu wissen. Klezmer hat die Hand ausgestreckt, und ich habe sie freudig ergriffen. Inwischen weiß ich, wievielen Menschen es ähnlich geht – wir begegnen uns auf der musikalischen Brücke. Und damit meine ich nicht nur meine osteuropäischen und/oder jüdischen Kollegen – sondern wahre umfassende Völkerverständigung.”
Volksmusik!

Volksmusik!

Foto: Werner Bauer

Sie erhält ein Stipendium in Oxford und knüpft mannigfaltige Kontakte Gleichgesinnter, die bis heute andauern. Mit wechselnden Besetzungen tourt sie durch die Welt, organisiert Festivals und andere Projekte, engagiert sich nebenbei als Schauspielerin, bietet Workshops und Kurse an. Sie heiratet (einen Lehrer) und adoptiert einen sardischen Fundhund.     
Und Andrea Pancur sucht und findet vermeintlich so naheliegende Wurzeln – die bairische Volksmusik! Seit zweieinhalb Jahren erweitert sie ihr Repertoire und stellt Klezmer eine gleichberechtigte Kameradin zur Seite. Namhafte Musiker der ersten Garde, darunter Christoph Well von den Biermöslblasn, scharen sich begeistert und kongenial um sie – Alpenklezmerglühen ist geboren! Auch das Kulturreferat der Stadt München fördert dieses einzigartige Unterfangen:
Alpenklezmerglühen!

Alpenklezmerglühen!

Foto: Werner Bauer

"Zum ersten Mal in der Geschichte werden bairische und jiddische Musiker gemeinsam ins Studio gehen und die Lieder, die in beiden Volksmusiktraditionen verankert sind, gemeinsam einspielen. 
Ich halte das für ein ganz außergewöhnliches Geschehen! Die Zusammenstellung des Ensemble liest sich wie das Who-is-who der bairischen und jiddischen Volksmusik.”
Musikalische Parallen und offenhörbare Gemeinsamkeiten sind ausdrücklich beabsichtigt
Auf dem Weg?

Auf dem Weg?

Foto: Werner Bauer

 - keinesfalls gezwungener Mischmasch im Pseudo-Melting Pot. Dies entspricht der klaren Botschaft der Andrea Pancur: ”Multi-Kulti lebt und wie! Da hänge ich mich unablässig rein und lasse nicht locker – ich begreife das als künsterisch-erzieherische Botschaft. Nicht die Herkunft ist entscheidend, für mich zählt die Qualität und Hingabe. Und diese wollen wir allen Menschen vermitteln. Fast ausschließlich spielen wir auch für die Aufnahmen im Studio live miteinander – ZusammenHalt.”
Voller Neugier freuen wir uns auf die anstehenden Konzerte, die vorab goutierten Kostproben machen unbändige Lust auf mehr! 

Andrea Pancur wollte und sollte Lehrerin werden – sie hat es längst geschafft.
 


Text: Andreas Radau
Fotos: Werner Bauer

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