Autorin und Bühnenstar Josefine Jansen über Willensstärke

"Wie ich meine zweite Seele entdeckt habe"

Josefine Jansen heute     Aufnahme aus dem Jahre 1949: Josefine Jansen - eine Frau geht ihren Weg    Die Aufnahme aus dem Jahre 1951 ist das Coverfoto der englischen Buchausgabe Skin Close von Josefine Jansen    Josefine Jansen heute

So ein Leben könnte man gar nicht erfinden. Aufregender als jeder Roman, melodramatischer als jeder Kinofilm, aber Josefine Jansen hat alles hautnah erlebt. „Hautnah", so heißt auch die packende Autobiografie der Schauspielerin, die jüngst erschienen ist. Ein Leben, spannend wie ein Drehbuch. Es erfüllt uns daher mit besonderem Stolz, dass die Grande Dame der Bühne die Leser von Boulevard Schwan an ihren vielfältigen Lebenserfahrungen teilhaben lässt. Weisheiten und Erkenntnisse, die sie selbst im Laufe ihres 83-jährigen Lebens zusammengetragen hat, mal nach schicksalhaften persönlichen Erlebnissen, mal eher zufällige Entdeckungen. Exklusiv verrät Josefine Jansen sie in unserer Rubrik Gedankensprung: außergewöhnlich, einfühlsam, zum Nachdenken anregend. Und erstaunlich aktuell, obwohl die lebenskluge Künstlerin einer gänzlich anderen Generation entstammt. Es sind Themen darunter wie „Armut", „Verlust geliebter Menschen" oder „Wie man seine Willensstärke aktiviert" – lesen Sie selbst. 

Josefine Jansen:  Man kann im Leben alles erreichen was man will! 

„Ich glaube, dass uns zwei Seelen mit auf den Erdenweg gegeben werden, doch muss man sich die Mühe machen, die Zweite zu entdecken, bevor sie verkümmert wie kindliche Instinkte. In meiner frühen Jugend war ich zwar sehr lebendig und wissensdurstig, aber wenn man mir etwas wegnahm, das ich liebend gerne selbst behalten hätte, kämpfte ich nie darum. Im Gegenteil, ich tat so, als hätte ich es sowieso nicht gewollt. Ich war fünf Jahre alt, als meine Mutter mich bei meiner Großmutter ließ, weil sie mich nicht mitnehmen konnte. Ich war enttäuscht und weinte vor mich hin. Plötzlich fing mein Knie zu zittern an, doch als ich das Bein verlagerte, hörte das Zittern auf. Neugierig brachte ich mein Bein wieder in die Ausgangsstellung – und das Zittern setzte wieder ein. Instinktiv wusste ich, dass ich ein Mittel entdeckt hatte, dass ich für mich nutzen konnte.
Ich nahm die Hand meiner Großmutter, legte sie auf mein Knie und fragte unschuldig: „Oma, was ist das?" Sie war entsetzt und machte meiner Mutter die größten Vorwürfe. Von da ab wurde „ das arme Kind" stets mitgenommen! Ich muss damals meine „zweite" Seele entdeckt haben, die mit einem unwiderstehlichen Willen gesegnet war, alles zu erreichen. Einen kämpferischen Willen, der meine ursprüngliche Veranlagung stets nach- und aufzugeben, außer Kraft setzte. Die Sanfte konnte mit ihrem Willen die Kämpferin aktivieren! Diese frühe Erfahrung hat mich gelehrt, dass man alles erreichen kann, wenn man w i l l ! Der unerschütterliche Wille ist ein Potential, das das Unmögliche ermöglichen kann."
Ihre Josefine Jansen

"Wer hofft,  hat schon gesiegt
Und siegt weiter.
Versuch’ Dein Glück
Eh’ es vergeht!"
Jean Paul

Bühnenfotos mit Josefine Jansen von 1982      Buchcover Hautnah von Josefine Jansen      Josefine Jansen & ihre große Liebe Hannes, 1952 auf dem Nebelhorn  

Während andere Frauen ihrer Generation vielleicht darüber nachdenken, in welches Altenheim sie demnächst ziehen sollen, bastelt Josefine Jansen gerade an der Übersetzung ihres zweiten Buches.  Ganz selbstverständlich an ihrem Mac – man müsse schließlich mit der Zeit und den modernen Medien gehen, sagt die 83-Jährige. Das hält jung, wie man sieht. Wer so reich an Lebenserfahrung ist wie sie, die Gelassenheit eines Buddhas besitzt und stets bereit ist, sich auf neue Situationen einzulassen, fürchtet auch im hohen Alter die neuen Techniken nicht. Und eine Weltenbummlerin steckt außerdem in ihr, sie pendelt zwischen Florida und München, und bei einem ihrer Aufenthalte in der bayerischen Metropole, ist es uns gelungen, sie zu einem Interview zu treffen. Sie empfängt uns in ihrem Haus in Nordschwabing, wo wir über ihr Buch plaudern, über die Liebe, den Tod und eine positive Lebenseinstellung, auch wenn das Leben es mal nicht besonders gut meint. Essen selbstgebackenen Apfelkuchen dazu und trinken Tee. Und vergessen die Zeit ...

Eine turbulente Lebensgeschichte, festgehalten auf 450 Seiten. Der zweite Teil auf Englisch ist schon fertig – „aber Stoff gibt es noch für ein paar weitere Bücher", verrät die Autorin, und wir glauben es gern. Hat sie denn aus all den unterschiedlichen Erfahrungen und Erlebnissen ein persönliches Resümee ziehen können? Josefine Jansen: „Ich habe viel Schönes erfahren, aber auch sehr viel Schlimmes durchgemacht, den Krieg hautnah mitbekommen, persönliche Desaster erlebt und heißgeliebte Menschen verloren. Aber all diese Erfahrungen, so negativ sie auch waren, zogen immer positive Ereignisse nach sich."
Eine Frau, die niemals aufgibt. Und die nicht verschont wurde von Schicksalsschlägen und bösen Erfahrungen. Die von ihrer großen Liebe sitzengelassen wurde, als sie schwanger war. „Er war psychisch sehr labil, lebte über seine Verhältnisse und landete schließlich im Gefängnis." Spätestens da war klar, dass es keine gemeinsame Zukunft geben würde, und eine Welt brach für sie zusammen. Schweren Herzens entschied sie sich für eine Abtreibung – denn in den 50-er Jahren galt es noch als Schande, als unverheiratete Frau ein Kind zu bekommen. Heimlich ging sie zu einer „Engelmacherin", wie es damals hieß, und überlebte den riskanten Eingriff nur knapp. Aber: Zwei Jahre später wartete neues Glück auf Josefine Jansen. Sie lernte ihren späteren Mann, den deutschen Diplomaten Eduard Jansen, kennen, mit dem sie 34 „wundervolle Jahre", wie sie es nennt, verheiratet war. „Er machte mir in einer Jazzkneipe in Paris einen Heiratsantrag, obwohl wir uns noch nicht einmal geküsst hatten", lächelt sie.
Mindestens so aufregend wie der Heiratsantrag war das Leben, das danach folgte. Bagdad, Kinsheasa im Kongo, Monrovia in Westafrika, Paris und Tokio, an der Seite ihres Mannes lernt Josefine Jansen, die inzwischen ein eigenes Theater gegründet hatte, die exotischsten Länder kennen. Spielte weiter Theater und machte eine wichtige Erfahrung: „Liebe und Ausdauer können Berge versetzen. Und wenn du etwas wirklich willst, tu es, es wird dir gelingen." Von dieser Einstellung profitiert sie auch im hohen Alter: nicht aufgeben, immer nach vorne blicken. „So habe ich mir immer meine Neugierde bewahrt, bin für fast alles aufgeschlossen, versuche mit der Zeit zu gehen und meine positive Lebenseinstellung nicht zu verlieren." Auch nach dem Tod ihres Mannes verzweifelt sie nicht, sondern widmet sich verstärkt ihrem Theater. Glaubt sie, dass man die große Liebe nur einmal im Leben trifft? „Glücklich ist derjenige, der sie überhaupt erleben darf", sagt Josefine Jansen, „die echte, wahre große Liebe ist sehr selten...leidenschaftlich und brodelnd emotional. Und meist endet sie dramatisch." Doch glücklicherweise gäbe es verschiedene Arten von Liebe, die der großen Liebe gleichen.
Jedes Jahr verbringt sie ein paar Monate in Sarasota, Florida. Sie liebt das riesige kulturelle Angebot dort, geht täglich schwimmen, trifft Freunde – und schreibt weiter an der Fortsetzung ihrer Lebensgeschichte. Sie sei dankbar für alles, was sie erleben durfte, betont sie. Und: „Wenn ich mein Leben noch mal leben könnte, würde ich alles ganz genauso machen und erleben wollen." 

Josefine Jansen heute    Aufnahme aus dem Jahre 1949: Josefine Jansen - eine Frau geht ihren Weg    Die Aufnahme aus dem Jahre 1951 ist das Coverfoto der englischen Buchausgabe Skin Close von Josefine Jansen    Josefine Jansen heute

About Josefine Jansen:
Josefine Jansen, 1927 in Nürnberg geboren, wächst mit den Zwängen des Hitler Regimes, den Entbehrungen des Krieges und den verheerenden Fliegerangriffen der Alliierten auf. Trotzdem beginnt sie bereits mit Fünfzehn ihre Schauspielausbildung. 1944 wird sie zum Kriegsdienst in einer Rüstungsfirma zwangsverpflichtet, 1945 total ausgebombt. Kurz darauf gelingt ihr die Flucht zu Verwandten nach Norddeutschland, wo sie dem Einmarsch amerikanischer Kampftruppen erlebt. Nach  Kriegsende kehrt sie in ihre Heimatstadt zurück und spielt bei diversen Tourneebühnen, am Nürnberger Schauspielhaus, bis sie 1952 ein eigenes Wandertheater gründet. Ihre vielversprechende Karriere wird durch Schicksalsschläge unterbrochen. Mit der Heirat eines deutschen Diplomaten 1956 beginnt das drei Jahrzehnte andauernde Abenteuer ihres Lebens in exotischen Ländern. Sie lebt in der Stadt von „1000 und 1 Nacht", im dunkelsten Afrika und im Land der aufgehenden Sonne. Bagdad, Monrovia/Libera, Kinsheasa/Kongo, Paris und Tokio sind die Stationen ihrer 27-jährigen Theaterproduktion.  Für die stets neu ins Leben gerufene „Studio Bühne" bildet sie begabte Laien aus, entwirft und fertigt Kostüme, zeichnet verantwortlich für die Masken, inszeniert und steht selbst auf der Bühne mit großen Erfolg. 1986 setzt sie ihre engagierte Theaterarbeit in München fort. Nach dem Tod ihres Mannes beginnt sie ihre zweite Karriere als Schriftstellerin. Sie schreibt ein Drehbuch, das ihr filmreifes Leben zum Thema hat. 2005 erscheint ihre Autobiografie „SKIN-CLOSE" auf dem amerikanischen Buchmarkt. 2009 publiziert der novum Verlag  (de.novumpro.com) die deutsche Version unter dem Titel „HAUTNAH".  Sie arbeitet derzeit bereits an ihrem nächsten Buch, das von ihrem weiterhin außergewöhnlichen Leben erzählt. Josefine Jansen lebt in München/Nordschwabing und in Sarasota/Florida.  

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